Als Universitätsfach ist die Skandinavistik
jedoch sowohl in ihrer mediävistischen als auch neuzeitlichen
Ausprägung neueren Datums. Sie erwuchs am Ende des 19. Jahrhunderts
aus der Erkenntnis einiger Germanisten, dass ihr Fach schlechterdings
nicht zu verstehen sei, wenn man nichts über Skandinavien
weiß - sei es von Snorris Edda oder Ibsens Nora.
Insbesondere das erste Interesse führte jedoch
in ein Kapitel der Fachgeschichte, das ihm nicht unbedingt zum
Ruhme gereicht: es ist die Zeit des Völkischen, Deutsch-
und Ariertümelnden, Nordischen und Antisemitischen - und
einige Fachvertreter waren tief darin verstrickt. Dies aber ist
ein Kapitel, das, wenn auch nicht hinreichend, doch schon vergleichsweise
umfangreich bearbeitet wurde. Insbesondere sei hier auf die Arbeiten
von Hermann Engster, Julia Zernack und Klaus von See hingewiesen.[2]
Seine eigentliche Institutionalisierung erfuhr
das Fach in den 60er und 70er Jahren mit der Neuerrichtung von
einer Reihe von Lehrstühlen insbesondere zur Neuskandinavistik
und der damit einhergehenden Etablierung von skandinavistischen
Abteilungen und Instituten. Spätestens seit der ersten Arbeitstagung
der deutschsprachigen Skandinavistik 1974 [3]
und der Etablierung der Zeitschrift skandinavistik ist das Fach
auch informell vereint.
Seit dieser Zeit aber weht dem Fach ein Wind entgegen,
der es zum Orchideenfach machen möchte, obwohl doch schon
1975 der Hochshulverband in einer Denkschrift betonte:
"Angesichts der zunehmenden Integration der
skandinavischen Länder in das wirtschaftliche und politische
Leben Europas wird die wissenschaftliche Beschäftigung mit
den neueren nordischen Sprachen und Literaturen und mit der Kultur
Nordeuropas von größter Wichtigkeit sein [...]."[4]
Die Skandinavistik ist heute ein lebendiges, ein
spannendes Fach. Sie ist ein großes, wenn auch viel zu kleines
Fach, dynamisch, wenn auch manchmal zu träge, stets interdisziplinär
ausgerichtet, wenn sie sich auch manchmal etwas mehr um eigene
Inhalte kümmern sollte. Sie lebt Europa und missachtet nationale
Grenzen: der Fachverband reicht als deutschsprachige Skandinavistik
von Amsterdam bis Budapest - ja sogar beinah bis nach Canberra.
Thomas Mohnike, Dezember 2003
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1
Wiehe, Erika: Gottlieb Mohnike als Übersezter und Vermittler
nordischer Literatur. Greifswald 1934.
Brennecke, Detlef: Tegnér in Deutschland. Eine Studie zu
den Übersetzungen Amalie von Helvigs und Gottlieb Mohnikes.
Heidelberg 1975
2
Engster, Hermann: Germanisten und Germanen. Germanenideologie
und Theoriebildung in der deutschen Germanistik und Nordistik
von den Anfängen bis 1945 in exemplarischer Darstellung.
Frankfurt/M. u.a. 1986.
von See, Klaus: Deutsche Germanenideologie. Vom Humanismus bis
zur Gegenwart. Frankfurt/M. 1970.
von See, Klaus: "Die Altnordistik im Dritten Reich".
In: Henningsen, Bernd / Pelka Rainer (Hg.): Die Skandinavistik
zwischen gestern und morgen. Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven
eines 'kleinen Faches'. Schleswig 1984 [in veränderter Fassung
mit Quellenangaben auch in: Jahrbuch für Internationale Germanistik
15,2, (1984), S. 8-38].
von See, Klaus: Barbar, Germane, Arier. Die Suche nach der Identität
der Deutschen. Heidelberg 1994.
Zernack, Julia: Geschichten aus Thule: Íslendingasögur
in Übersetzungen deutscher Germanisten. Berlin 1994
3
Einen tabellarischen Überblick über die Geschichte der
AtdS gibt es unter http://www.unibas.ch/atds/historik.pdf.