Susanne
Maerz
Die
langen Schatten der Besatzungszeit. Vergangenheitsbewältigung
in Norwegen als Identitätsdiskurs. (Arbeitstitel)
Kontakt:
susmaerz@gmx.de
Betreuer:
Prof. Dr. Heinrich
Anz
Abstract:
Die Zeit der deutschen Besatzung in Norwegen zwischen 1940 und
1945 und ihre strafrechtliche Aufarbeitung haben einen Sonderstatus
unter den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern. Dies hängt
damit zusammen, dass die Nasjonal Samling mit ihrem „Führer“
Vidkun Quisling die einzige faschistische Partei war, die –
auch wenn sie de facto Marionetten der Besatzer blieben - Regierungsverantwortung
erhalten hat und deren Mitglieder anschließend strafrechtlich
verfolgt und wegen Landesverrats verurteilt worden sind. Die Folge
dessen ist, dass die Landesverräter aus der vorgestellten
Gemeinschaft der Nation ausgegrenzt worden sind und es zum Teil
heute noch werden. Damit verbunden ist die Vorstellung einer Spaltung
der Nation in diejenigen, die die richtige, und diejenigen, die
die falsche Seite gewählt haben. Die Vorstellung, dass die
überwiegende Mehrheit der Norweger sich gegen die Besatzer
gestellt hat, hat zum norwegischen Selbstbild einer Nation im
Widerstand geführt. Dieser nationale Konsens, der die Ausgrenzung
der „Landesverräter“ aus dem Eigenen manifestiert,
ist zu einem festen Bestandteil der kollektiven norwegischen Identität
geworden.
Sie wird immer dann in öffentlichen Debatten verhandelt,
wenn der nationale Konsens in Frage gestellt wird. Diese Debatten
von den 60er Jahren bis heute untersuche ich in meiner Doktorarbeit
zum einen im Blick auf die Vergangenheitsbewältigung, zum
anderen im Blick darauf, wie in ihnen Elemente der kollektiven
Identität verhandelt werden und wie sich beides verändert.
Beispielhaft für die 60er Jahre steht die Debatte über
die Quisling-Biografie des Briten Ralph Hewins, der Quisling zum
Genie überhöht und so entschuldigt. In der Auseinandersetzung,
der Klage und Gerichtsurteil folgen, wird das Bedürfnis nach
einem einheitlichen Geschichtsbild deutlich. Risse erhält
dieses Geschichtsbild in den 70er Jahren, als zwei Abgeordnete
des norwegischen Parlaments als „Landesverräter“
enttarnt werden und der Dokumentarroman „Der Hamsun-Prozeß“
erscheint, der die Parteinahme von Knut Hamsun für die Nationalsozialisten
mit seinem Alter und Genius entschuldigt. Debatten in den 80er
Jahren brechen aus, wenn versucht wird, dem festen Geschichtsbild
andere, bislang vernachlässigte Geschichten hinzuzufügen
und diese ebenbürtig zu behandeln. Dafür stehen die
Debatte über die Fernsehdokumentation über die Nasjonal
Samling und der norwegische Historikerstreit, der die auf den
Widerstand fokussierte Geschichtsschreibung thematisiert. Die
90er Jahre sind zum einen geprägt von revisionistischen Unternehmungen
bei denen das vorherrschende Widerstandsbild verteidigt wird.
Dafür steht die Diskussion über die Liquidationen, die
der Widerstand ausgeführt hat. Dominiert wird das Jahrzehnt
aber vom Bewusstsein der moralischen Verantwortung gegenüber
verschiedenen Opfergruppen. Dies kommt bei der Debatte über
die finanzielle Entschädigung der norwegischen Juden für
ihr beschlagnahmtes Vermögen und der langsamen Enttabuisierung
der Schicksale der Kriegskinder, der Nachfahren von deutschen
Soldaten und Norwegerinnen, an dessen Ende ebenfalls eine Entschädigung
steht, zum Ausdruck.
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