Annette
Elisabeth Doll
Funkspuren.
Der Rundfunk in der schwedischen Literatur - Ein Beitrag zur Intermedialitätsforschung
Kontakt:
annettedoll@yahoo.com
Abstract:
Als der Rundfunk Anfang der 1920er Jahre nach Schweden kam, bedeutete
dies einen entscheidenden Einschnitt in das Alltagsleben der Bevölkerung
des dünnbesiedelten Landes. Das neue Medium schuf ein Fenster
zur Welt. Es wurde zum Nachrichtenübermittler, einer Kulturinstitution
und zu einer Quelle der Zerstreuung, aber auch zum Instrument
der gesellschaftlichen Umgestaltung und zur Voraussetzung für
eine offene und demokratische Gesellschaft. Wie jede gesellschaftliche
Veränderung und technische Neuerung steht auch die Erfindung
des Radios mit der Literatur in einem engen Wechselverhältnis.
Das neue Medium wurde in Dramen, Erzählungen, Romanen und
in der Lyrik thematisch aufgegriffen und beeinflusste seinerseits
literarische Verfahrensweisen. Zugleich entstand mit dem Radio
eine neue dramatische Literaturgattung, das Hörspiel, die
einzige genuine Kunstform, die der Funk hervorbrachte.
Das
Ziel dieses Dissertationsprojekts, das auf meiner Magisterarbeit
über das skandinavische Hörspiel aufbaut, besteht nun
darin, das neue Medium Rundfunk Anfang der 1920er und 1930er Jahre
einerseits als Themengeber in der Literatur zu untersuchen. Andererseits
soll das Zusammenspiel aus gesprochenem Wort, Geräusch
und Musik als neue, erweiterte Dimension von Literatur in Form
von Originalhörspielen näher betrachtet werden. Als
Untersuchungsmaterial für den ersten Teil der Arbeit bieten
sich vor allem Gustaf Hellströms Roman Storm över Tjurö,
sowie Rudolf Värnlunds Drama Den heliga familjen aus den
1930er Jahren an. Aber auch spätere Texte von Stig Dagerman,
Ivar LoJohansson, Lars Ahlin, Göran Tunström,Ylva Eggehorns
und Ronny Ambjörnssons sollen in die Untersuchung mit einbezogen
werden, um zu zeigen, wie sich die Verarbeitung des Themas „Radio“
im Laufe der Jahre veränderte. U.a. soll der Frage nachgegangen
werden, ob das Radio die Literatur veränderte und wenn, in
welcher Weise.
Im
zweiten hörspieltheoretischen und -analytischen Teil wird
sich die Frage stellen, welche zusätzliche Dimension, verglichen
mit verschriftlichter Literatur, ein Hörspiel, sowohl dem
Schriftsteller als auch den Zuhörern zu bieten hat. Warum
schreibt ein Autor ein Hörspiel und nicht einen Roman oder
eine Kurzgeschichte? Und wie muß eine Idee für ein
Hörspiel beschaffen sein? Wo stößt geschriebene
Literatur an ihre Grenzen und in welcher Weise versteht das Hörspiel
diese Grenzen zu sprengen? Diesen Fragen sollen Originalhörspiele
von Lars Norén, Lars Gustafsson, Carl-Johan Vallgren, Sisela
Lindblom, Lars In de Betou, Gunilla Abrahamsson, sowie ein O-Ton
Hörspiel über den Mord an Olaf Palme von Mats Lindström
und ein Ljudkonst-Werk (im dt.: Neues Hörspiel) aus der Reihe
„Vita Nätter“ von Sveriges Radio unterzogen werden.
Um die Funktion und den Handlungscharakter von Sprache in den
Hörspielen herauszuarbeiten, bieten sich H.P. Grice’s
Kommunikationstheorien und die Pragmalinguistik, wie sie im deutschsprachigen
Raum vor allem von K. Ehlich und J. Rehbein vertreten wird als
Untersuchungstheorien an.
Da
es sich bei dieser Arbeit um ein intermediales, reziprok angelegtes
Projekt handelt, werden sich die beiden Teile der Dissertation
immer wieder aufeinander beziehen. Während im ersten Teil
herausgearbeitet werden wird, was die Schriftsteller der
1920er 1930er Jahre an dem neuen Medium faszinierte, z.B. die
Authentizität von im Radio sprechenden Personen oder das
Eindringen von Informationen aus der realen, öffentlichen
Welt in das Privatleben der Menschen, soll im zweiten Teil untersucht
werden, inwieweit sich die „Faszination Radio“ bis
in die Hörspiele der vergangenen zwanzig Jahre hinein erhalten
hat. Die Ausgangsthese wird dabei sein, daß sowohl
in der Literatur als auch in den Hörspielen immer wieder
mit der Unterscheidung Realität versus Fiktion gespielt wird,
so z.B. mit realen Nachrichtensendungen, die in die literarischen
Texte eingebaut oder Zeitzeugen in O-Ton-Hörspielen, deren
Stimmen zu literarischem Material verarbeitet werden. Ist das
Medium Radio damit prädestiniert für die Vermittlung
von Authentizität und Alltagsrealismus oder inszeniert es
selbst Realität? Und inwiefern wird diese Authentizität
in literarischen Texten und Hörspielen selbst immer wieder
in Frage gestellt? Ist die Grenzziehung zwischen der Vermischung
von Realität und Theater überhaupt noch möglich?
Bricht das Reale in die Literatur ein wie bei Värnlund oder
das Theater in die Realität wie bei Norén?
Bislang
wurde in der Intermedialitätsforschung vorrangig „Visualitätsforschung“
im Bereich der Bild-Text-Bezüge betrieben. Medienwissenschaftler
wie J. Paech, P.V. Zima oder K. Prümm beschäftigen sich
vorwiegend mit Literatur und Film, Photographie oder Malerei und
auch von Seiten der Literaturwissenschaft stand bisher lediglich
das Phänomen „Text-Bild“ im Mittelpunkt. In der
schwedischen Literatur finden sich so gut wie keine Anthologien
zum Thema Radio, geschweige denn literaturwissenschaftliche Untersuchungen.
Hörspiele nehmen sowohl in der Literaturwissenschaft generell,
als auch in der Dramengeschichte im speziellen noch immer einen
wenig beachteten Platz ein. Der Umfang der Forschungsliteratur
zum Themenbereich „Hörspiel“ ist in Skandinavien
allgemein äußerst dürftig und ausschließlich
historisch orientiert. Einschlägige Literatur zur Hörspieltheorie
fehlen in Schweden sogar vollständig. Eine intensive theoretische
Auseinandersetzung mit dem Hörspiel fand in der Vergangenheit
eher unter Hörspielmachern und -redakteuren als unter
Literaturwissenschaftlern statt und vor allem aktuelle Arbeiten
fehlen. Das Desiderat betrifft daher vor allem den intermedialen
Aspekt, die Rolle der Sprache und eine Revision der Hörspielgeschichte
unter medientheoretischen Gesichtspunkten.
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